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„Eine Frau mit Lebenserfahrung“

750 Menschen bei Lesung mit Ex-Bischöfin Margot Käßmann

Übervoll war am Dienstagabend die Alte Kirch.e am Markt in Nordhorn. In Rekordzeit, nur wenige Stunden nach der Ankündigung in den GN, hatte es keine Karten mehr für die Lesung mit Margot Käßmann gegeben. „Wir hätten doppelt so viele verkaufen können“, sagt Buchhändlerin Viola Taube

 


Grafschafter Nachrichten 17. Juni 2010 - Text Marianne Begemann, Nordhorn.

Schon häufiger war Margot Käßmann Gast in der Grafschaft – als Bischöfin und zuletzt im November noch als EKD-Vorsitzende – mal im internen Kreis, mal bei öffentlichen Veranstaltungen. Aber noch nie sind so viele Menschen gekommen wie zu ihrer Lesung am Dienstagabend. Und sie scheint es zu genießen. „Als Bischöfin“, sagt sie, „hatte ich nie Zeit für so eine schöne Veranstaltung.“ Schon eine Stunde vorher strömen die Besucher in die Kirche in der Hoffnung auf einen guten Platz. Und für diejenigen, denen die Sicht verwehrt ist, projizieren die Organisatoren per Video das Geschehen auf zwei Kirchenwände.

Keine Frage, früher war sie bekannt, nach ihrem Rücktritt von allen Ämtern wegen ihrer bekannten Autofahrt unter Alkoholeinfluss ist Margot Käßmann ein Star – auch in Nordhorn. Was nicht überrascht, wenn man an ihre umjubelten Auftritte beim Ökumenischen Kirchentag in München denkt.

Als sie den Kirchenraum betritt, gibt es Beifall. Viele stehen auf, um einen Blick auf die Theologin zu erhaschen. Zum Schluss gibt es stehende Ovationen und alle strömen in das benachbarte Gemeindehaus. Dort soll es zunächst Gelegenheit für Fragen geben. Aber es werden keine gestellt. Die meisten wollen nur das Buch signieren lassen und manche tragen es später wie eine Trophäe davon.

Zu Beginn der Lesung in der Alten Kirche kündigt „Hausherr“ Pastor Thomas Allin „eine besondere Lesung mit einer besonderen Frau“ an. Und er fügt hinzu: „Sie ist heute nicht so sehr als Pastorin hier, sondern als Frau mit Lebenserfahrung. Sie kennt sich aus mit der Mitte des Lebens.“ Damit spielt er an auf den Titel des Buches, aus dem Margot Käßmann vorliest: „In der Mitte des Lebens“. Die 52-Jährige verbindet darin eigene Erfahrungen mit Predigttexten und biblischen Geschichten.

Für diesen Abend hat sie Stellen ausgesucht zu den Themen Familie, Krankheit, Einsamkeit, Tod und Alter. Sie liest schnell, mit klarer Stimme, man kann ihr gut zuhören, erst recht wenn sie sich vom Text löst und frei spricht. Im Publikum ist immer wieder ein Nicken zu sehen. Margot Käßmann nimmt die Stimmung auf. „Das kennen Sie auch“, wendet sie sich an die Zuhörerinnen und Zuhörer.

Aber Margot Käßmann sorgt auch dafür, dass ihr Publikum immer wieder lachen kann. So bei dem Eingeständnis, nach der Krebsdiagnose nicht sofort an Psalm 23 „Der Herr ist mein Hirte“ gedacht zu haben. „Mir ist spontan nur das Filmzitat ,Houston, wir haben ein Problem’ durch den Kopf gegangen“. Und sie spricht vor allem ihrem weiblichen Publikum aus dem Herzen, als sie ihre Genugtuung verrät, an den Händen sehen zu können, dass auch die Sängerin Madonna altert.

Immer wieder blitzt ihr engagiertes politisches Bewusstsein auf. Sie berichtet zum Beispiel von den miserablen medizinischen Verhältnissen in Palästina, den mangelnden Möglichkeiten der Krebsvorsorge dort und ihrem Unverständnis, dass es in Deutschland immer noch Menschen gibt, die nicht zur Krebsvorsorge gehen.

Auf ihre Autofahrt unter Alkoholeinfluss und dem Führerscheinentzug geht sie nur indirekt ein. An der Stelle in ihrem Buch, wo steht, dass sie zum Radiologen radelt, hält sie inne, blickt auf und sagt: „Sie merken, ich bin schon früher gerne geradelt.“ Vereinzeltes Lachen im Publikum. Margot Käßmann: „Ich sehe, Sie haben verstanden, das war jetzt ein Scherz.“ Noch mehr Lachen über diese fast schon kokettiernd anmutende Einlage.

Der Begeisterung für die Theologin tut das keinen Abbruch. „Sie ist einfach eine tolle Frau“, sagt eine Zuhörerin. Und eine andere: „Sie hat das erlebt, was viele erleben, Krebs, Scheidung, ja auch die Sache mit dem Alkohol.“