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Macht, Kunst und Liebe - ein prächtiges Bild der Rennaissance
Literatur
Henning Boetius las Roman "Die blaue Galeere"
Text:
Bernd Durstewitz / GN 18.02.2005
Nordhorn
- "Das Meer ist die Antwort auf alle Fragen, Welle
für Welle, jede anders gestellt" (Autor: anonym).
Das ist das Motto des historischen Romans "Die
blaue Galeere" (München, 2004, 2. Aufl., Goldmann
- Verlag; 414 Seiten) von Henning Boetius (geb. 1939),
einem Erzähler, der durch Künstlerbiographien (Lichtenberg,
Goethe, Lenz, Kleist) und Krimis vor allem durch den
Roman "Phönix aus Asche" um den Untergang
des Luftschiffes "Hindenburg" bekannt geworden
ist. Die Buchhandlung Viola Taube und die Euregio -Bücherei
hatten den Schriftsteller eingeladen, um aus seinem
jüngsten Werk, dem Renaissance - Roman "Die blaue
Galeere" zu lesen. Er ist der erste Band einer
Trilogie, die sich mit der Entwicklung des Ichs beschäftigt.
Band 2 und 3 sollen im 19. bzw. 20. Jahrhundert spielen.
Die Entstehung des Roman - Mottos wirft ein Schlaglicht
auf die Werkstatt von Boetius. Er plaudert launig und
locker von seiner Arbeitsweise und bekannte, das einem
Anonymus unterschobene Motto selber erfunden zu haben.
Aufbauend auf einer genauen und umfänglichen historischen
Recherche, sei er bemüht, sich von der übermächtigen
Stofffülle wieder zu befreien, der schriftstellerischen
Freiheit und Phantasie zu ihrem Recht zu verhelfen und
sie als Ferment im Brei und Fakten wirken zu lassen,
um die historische Speise schmackhaft zu machen.
So - unter historischer Anleitung - erfundenen Handlungen,
Charaktere, Konflikte, Probleme teilweise auch seien,
immer basierten sie auf Fakten oder nähmen ihren Ausgang
in selbst Erlebtem und Geschehenem. So sei z. B. in
den Vater - Sohn - Konflikt zwischen den Hauptfiguren
des Romans, dem flämischen Maler Jan Massys, und dessen
übermächtigem Vater, dem berühmten Maler Quinten Massys,
sein eigenes Verhältnis zu seinem Vater eingegangen,
der als Steuermann am Höhenruder den Absturz des Zeppelins
"Hindenburg" überlebt habe. Vor allem dem
Autor historischer Romane besetze eine "chaotische
Datei" den Kopf und müsse gebändigt werden. Boetius
bezeichnet diese Kopfgeburt als eine "Form von
produktivem Alzheimer".
"Die blaue Galeere" ist denn auch nicht nur
ein historischer Roman um den ehemaligen Korsaren und
späteren Condottiere und Alleinherrscher Andrea Doria
(1468-1560) in Genua, eine typische Aufsteigerfigur
der italienischen Renaissance, sondern auch ein - erfundner
- Liebesroman, der so erotisch reizvoll wie dunkel andeutend
die Liebesfäden zwischen dem Maler Jan Massys und der
schönen Flora Gelosi verknüpft, einer in Genua gastierenden
Schauspielerin der damals aufkommenden Commedia del`Arte,
die bereits einem Adligen versprochen ist.
Der Mitte des 16. Jahrhundert in Antwerpen und vor allem in Genua spielende Raman ist zugleich ein Künstler - und Seekriegsroman. Der von der Inquisition aus Antwerpen vertriebene Maler Jan Massys findet sich, in Genua gestrandet, unverhofft als Porträtist und Seeschlachtenmaler des Principe Andrea Doria wieder. In vielen Malsitzungen mit der schillernden, launischen, charismatischen Persönlichkeit des bereits Alten Alleinherrschers werden fachsprachlich genau Darstellungstechniken und - probleme aufgedeckt und erörtert. Die Freundesfigur des Musikers Roland de Lattre, hinter der sich der Komponist Orlando di Lasso verbirgt bietet Anlass, sich mit der damals neuen Musik auseinanderzusetzen.
Jan Massys muss seinen Auftraggeber auf Seefahrten und
in Seschlachten begleiten. Admiral Andrea Doria ist
im Auftrage Kaiser Karl V. die christliche Speerspitze
im Mittelmeer gegen die nach Westen und Norden vordringenden
Türken unter dem Sultan Suleiman dem Prächtigen. Das
bietet dem Autor die Gelegenheit, in aller Blutigen
Ausführlichkeit das grausame Leben der Galeerenruderer
und die Schrecken einer damaligen Seeschlacht zu schildern.
Mit der Genüsslichkeit eines fachlich versierten Käfersammlers
bereitet er farbenprächtig seine profunden Kenntnisse
in Schiffsbau, Pulver - und Kanonentechnik und Inquisitionspraktiken
aus. Insbesondere die sprachliche Malerei von Seestürmen
habe in gereizt, sagt Broetius.
Insgesamt entwirft der Autor, gleich der im Hintergrund
beherrschenden Malerfigur des Quinten Massys, ein düster
- buntes und leidenschaftlich durchtostes Panoramagemälde
der Renaissancezeit in der Mitte des 16. Jahrhunderts.
Dabei kommen die weltverändernden Ideen der Epoche,
in unaufdringlicher Verpackung, nicht zu kurz: das auf
Individualisierung zielende neue Menschenbild, der Wandel
in Malerei und Architektur, das aufkeimende experimental
gesteuerte naturwissenschaftliche Denken, die religiösen
Unruhen im Zuge der Reformation, die Entstehung der
Banken und des bargeldlosen Zahlungsverkehrs u.a.m.
Was die Hauptfigur Jan Massys als Spielball seiner Zeit
- der Mächtigen, der Liebe, der Berufung als Künstler,
des Aberglaubens - in Genua durchlebt, das hat Henning
Boetius in seiner fachsprachlich präzisen, bildmächtig
originalen, Figuren plastisch konturierenden Erzählweise
zu Papier gebracht, spannend allemal, manchmal allerdings
gar zu fachverliebt. Wer historische Romane liebt, der
wird sich hier im lebendigen Geschichtsbad suhlen können.
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