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Liebe, Tod und Wahnsinn - die drei Leitthemen der Literatur

Lesung Schriftsteller Rafik Schami und sein Opus magnum in der Nordhorner Buchhandlung Taube: Der Leser lernt, Menschen zu lieben


Text: Bernd Durstewitz / GN 29.01.2005 / Fotos: GN/Privat

Nordhorn - "Gottes ist der Orient!/Gottes ist der Okzident!/Nord- und südliches Gelände/Ruht im Frieden seiner Hände." So friedlich und wohlwollend konnte vor fast zweihundert Jahren Goethe im "West-östlichen Divan" auf den vorderen Orient schauen. Das hat sich im Laufe des 20. Jahrhunderts radikal geändert. Bedrohung Israels, Kampf der Palästinenser um einen Staat, militante Interessenpolitik der USA, Bürgerkriege, Putsche, arabische Diktaturen, islamistischer Hegemonialanspruch - all das wirbelt das Leben des Einzelnen durcheinander und schlägt sich als Bedrohung des privaten Glücksstrebens nieder. Insbesondere der intimste Privatbereich des Menschen, die Liebe zwischen Mann und Frau, gerät unverschuldet in den politischen und religiös-ideologischen Wirbel und muss Tribut entrichten bis zu den Endstationen Wahnsinn und Tod.
Diesem uralten Zentralthema der Literatur stellt sich auch Rafik Schamis Opus magnum "Die dunkle Seite der Liebe" (2004, München, Carl Hanser Verlag; 896 Seiten). Die Buchhandlung Viola Taube hatte den renommierten deutsch schreibenden syrischen Schriftsteller, der 1946 in Damaskus geboren wurde und seit 1971 zwangsweise im Exil in Deutschland lebt, in ihre Räume eingeladen, um ihn aus seinem großen Lebenswerk vortragen zu lassen. Wie es sich für einen Erzähler der arabischen Tradition gehört, las Rafik Schami nicht aus dem Roman, sondern erzählte einzelne Kapitel und Erzählstränge, führte in das religiöse, gesellschaftliche und politische Milieu ein, stellte Romanfiguren und Gebräuche der Handlung vor, die im 20. Jahrhundert unter syrischen Christen in Damaskus und auf dem Lande spielt. Er erzählte spontan, schalkhaft, witzig, humorvoll, opulent, gleichsam kulinarisch. Insbesondere seine Vergleiche zwischen arabischem und deutschem Geschlechterverhalten riefen Heiterkeit hervor. Das kulinarische Orient-Ambiente vervollständigte meisterlich die Kochkunst des Restaurants Frentjen.

Doch Schami erzählte - bewusst - fast ausschließlich von der hellen Seite der Liebe. Er klammerte, bis auf den realen Mordfall, der die Initialzündung zum Roman war, die "dunkle Seite" aus. Dabei sind in der christlich-arabischen Familiensaga um die bis aufs Blut verfeindeten Sippen der Muschtaks und Schahins Spontan- und Auftragsmord, Vergewaltigung, Intrige und Verrat beiderseits gepflegte Folgen eines Anlasses zur Blutfehde, den niemand mehr erinnert. Und da Sippe und Sippenfehde in die hohe Politik hineinragen - und zwar jeweils durch korrupte, machtgierige Militärs aus beiden Clans -, tritt der Staat mit seinen Gewaltmitteln auf den Plan und lässt die privaten Drangsalierungen und Untaten zu Gefängnis und Konzentrationslager eskalieren, in deren Auschwitz-Milieu Folterphantasien krankhaft erblühen. Nichts Neues unter der Sonne. Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. (Man sollte den Wolf um Verzeihung bitten.)
Eines der Opfer diktatorischer KZ-Politik ist die männliche Hauptfigur des Romans, Farid Muschtak, der - neben dem Fehler seiner Sippenzugehörigkeit - das Fundamentalverbrechen begangen hat, die schöne Rana aus der Erzfeindsippe Schahin zu lieben. Beide Sippen nennen sich christlich, die einen katholisch, die andern griechisch-orthodox. Das reicht. Eine Heirat darf hier ebenso wenig sein wie zwischen Christen und Moslems. Das Alltagsverhalten auch der christlichen Araber ist geprägt vom allmächtigen Einfluss der Sippe und ihres pater familias, vom Machotum des arabischen Mannes und der Unterdrückung der Frau (Zwangsverheiratung!), von der politischen Clan-Kultur (bis heute), von Autokratie, Diktatur und Putsch. Der Roman spiegelt, gerade in den diese Denkschemata sprengenden Figuren, die gesellschaftliche und politische Misere und Rückständigkeit in den arabischen Ländern. Kein Wunder, dass Rafik Schami Syrien nicht betreten darf, obwohl er einen tief humanistischen Roman geschrieben hat.
Es ist ohne Zweifel Schamis Opus magnum. Das schreibt man nur einmal. Gegliedert in 304 Kleinkapitel, die als Mosaiksteinchen erst zusammengesetzt das vollständige Bild ergeben; hilfreich gebündelt zu sog. "Büchern" (zum Beispiel dem "Buch der Liebe 3" oder dem "Buch der Hölle 1"); komplettiert durch die Stammbäume der beiden Familien, welche die Vielzahl der Figuren zu identifizieren helfen; so ergießt sich ein Strom von kleinen Erzählfacetten über den Leser und droht ihn anfangs zu ertränken. Je mehr man sich jedoch - nach ein paar hundert Seiten - der Gegenwart Farids und Ranas (und der des persönlichen Autorerlebens) nähert, desto mehr kristallisiert sich der leitende Erzählstrang heraus, insgesamt kunstvoll eingebunden in einen Ring aus Anfang und Ende.
Das arabische Erzählen ist anders als das modern-westliche. Es ist stark additiv , wenig tektonisch, arabesk und erinnert an arabische Musik. Die Figuren erscheinen mehr im Flachrelief als in psychologisierender Tiefenbohrung. Das Stoffliche dominiert das Erzählen, oft mit anekdotischem Einschlag, der wiederum Milieus und Mentalitäten plastisch macht. Erzählerreflexion findet dagegen kaum Platz.
Der Genuss am blanken Erzählen ist greifbar. Von einer Figur heißt es: "... denn Geschichten zu hören und dabei Tee zu trinken zählte für ihn zu den Vorhöfen des Paradieses." Man fühlt sich an Sultan Saladin in Lessings Nathan-Schauspiel erinnert, wenn er Nathan erwidert: "Ich bin stets ein Freund gewesen von Geschichten, gut erzählt."
Eben das ist Rafik Schamis Element, mündlich anders als schriftlich. Der Leser lernt aus diesem Roman viel über die arabische Welt, über die arabische Misere und über arabisches Erzählen. Vor allem jedoch lernt er Menschen lieben.